Archäologie auf der Midal-Erdgastrasse in Ostwestfalen       von Hans - Otto - Pollmann                

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germanische Siedlung            Besiedlung des Hedemer Raumes         germanischer Brunnen       18.10.11         


Die Wintershall AG in Kassel, eine Gesellschaft der BASF-Gruppe, hat 1992 - 1993 eine 640 km lange Erdgasleitung von Emden nach Ludwigshafen verlegt. Dabei durchquert sie auf 150 km Länge Ostwestfalen - Lippe über Lübbecke, Herford und Detmold nach Warburg. Das Bauprojekt erhielt den Namen MIDAL, der als Abkürzung für Mitte - Deutschland - Anbindungs - Leitung steht. Während der Verlegung wurde eine Trasse von 28 m Breite beansprucht, von der in der Regel 22 m vom Oberboden freigeschoben wurden. Dies ergab für Ostwestfalen eine Fläche von 3,3 km2, auf der zahlreiche, noch unbekannte Bodendenkmäler zu vermuten waren. Dies wären im gesamten Bereich der Trasse durch die Bauarbeiten, den Rohrgraben, die Baufahrzeuge und den Stationsbau zerstört oder stark geschädigt worden. Eine archäologische Begleitmaßnahme erschien daher notwendig.
Zwischen der Wintershall AG in Kassel und dem Amt für Bodendenkmalpflege in Bielefeld wurde ein Übereinkommen getroffen, um sowohl den Interessen der Wintershall AG als auch denen der Bodendenkmalpflege nachzukommen, was bedeutet, dass der Baubetrieb durch Grabung, Dokumentation und Bergung von Bodenfunden nicht verzögert und die Fundplätze trotzdem ausreichend dokumentiert werden sollten. Hierfür stellte die Wintershall AG einen Archäologen, einen Grabungstechniker und den Erfordernissen entsprechend Archäologiestudenten ein, die in den Baubetrieb eingegliedert wurden. Material und andere Sachmittel z. B. für Baggerarbeiten wurden ebenfalls von der Wintershall AG finanziert.
Für die Archäologie vor Ort lautete die Aufgabenstellung:

1. Untersuchung einiger Bodendenkmäler im Vorfeld, die bei der Planung nicht zu umgehen waren.

2. Ständige Beobachtung des Oberbodenabtrages, da dort die archäologisch günstigsten 
    Beobachtungsmöglichkeiten gegeben waren und die Untersuchung sogleich einsetzen konnte.
3. Sofortige Untersuchung der entdeckten Befunde in der zur Verfügung stehenden Zeit, ohne nach
    Möglichkeit den Baubetrieb zu verzögern.
4. Kontrolle der Rohrgrabenwände auf Befunde hin, die z. B. noch von einer Erdschicht verdeckt
    und  somit bei der Trassenkontrolle nicht sichtbar waren.
5. Nachbereitung, um das Fundmaterial und die Dokumentation zu ordnen und einschließlich der
    Grabungsberichte nach Abschluss der Arbeiten an das Amt für Bodendenkmalpflege
     zu übergeben.
  Nach einer kurzen Planungsphase begann im August 1992 die Feldarbeit. Sie endete im Juni 1993. In einigen Fällen trugen 2 Bagger mit übergroßer Räumschaufel am Trassenrand den Mutterboden auf einer Breite von ca. 6 - 7 m ab. Mindestens 2 Caterpillar Raupen setzten dort an und schoben den Oberboden der übrigen Trassenfläche auf ca. 30 cm Tiefe an den anderen Trassenrand. Zumeist aber wurden nur Caterpillar-Raupen eingesetzt, was die archäologischen Beobachtungsmöglichkeiten sehr erschwerte. Daher musste der Bodenabtrag im Bereich der Baumaschinen ständig kontrolliert werden. Durch diesen Maschineneinsatz wurde ein Trassenvortrieb von 600 m - 1200 m pro Tag erreicht. Weiterhin ist anzumerken, dass der Baubetrieb in vierzehntägigen Wechsel von Montag bis Donnerstag mit 10 bis 12 Stunden täglich betrieben wurde. Das hatte entsprechende Auswirkungen auf die Arbeitszeit und den Personaleinsatz der archäologischen Begleitmaßnahme Die Firmenangehörigkeit der Mitarbeiter und die Eingliederung in den Baubetrieb brachten eine Reihe von Vorteilen mit sich, wie den direkten Kontakt zum aktuellen Baubetrieb und zu den verschiedenen Baufirmen, schnelle Informationswege und unverzügliche Hilfeleistungen z. B. bei Bagger- und Bergungseinsätzen. Der enge Kontakt und die Zusammenarbeit mit dem Amt für Bodendenkmalpflege in Bielefeld, das auch die Fachaufsicht ausübte, waren immer gegeben. Ebenso wurden Restaurierungs- und andere Werkstattmaßnahmen übernommen. Bei Engpässen kam das Amt für Bodendenkmalpflege unterstützend zur Hilfe. Auf der 150 km langen Trasse in Ostwestfalen-Lippe wurden 61 archäologische Fundplätze entdeckt. Nicht mit eingerechnet sind die zahllosen Streu- und Einzelfunde. Zu betonen ist, dass nur 3 der 61 Fundplätze überhaupt bekannt waren. Alle anderen sind Neuentdeckungen. 

                                Germanische Siedlung in Hedem

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Mitte September 1992 wurde beim Oberbodenabtrag in Hedem eine spätgermanische Siedlung entdeckt. Sie liegt auf ebenem Gelände mit einer Lehmüberdeckung ca. 250 m von dem Bach Große Aue entfernt. Die von der Trasse durchschnittliche Siedlungsfläche misst 22 m * 60 m. In der Südhälfte, wo sich fast ausschließlich Pfostengruben vorfanden, wurde u. a. ein Hausgrundriss angeschnitten, während in der Nordhälfte große Gruben und ein kleiner ca. 70 cm tiefer und 100 cm breiter Begrenzungsgraben zutage kamen. Letzterer markiert gleichzeitig die Grenze des Siedlungsareals. Die Gruben und der Graben enthielten große Mengen an Keramik und Tierknochen. Einige der Gruben von schwach grauer Verfüllung und ohne Keramik mögen der Lehmentnahme gedient haben.
Eine besondere Überrasch
ung bildete der Fund 3 Holzbrunnen unter 2 großen Gruben. Ein Rohrbrunnen am Trassenrand verblieb unausgegraben, da ungefährdet. Am Grunde der anderen, ca. 3,5 m breiten und 1,4 m tiefen Grube standen ein Kasten- und ein Rohrbrunnen nebeneinander. Der Kastenbrunnen, bestehend aus dicken Eichenbohlen, mit einer Seitenlänge von 70 cm war auf voller Höhe, d. h. ca. 170 cm erhalten. Im unteren Teil waren noch Schilf- bzw. Grasmatten zur Filtrierung des Wassers eingebaut. Die Brunnenfüllungen enthielten nur etwas Keramik und einige Tierknochen. Erwähnenswert ist ein großer Birkenrindenrest, der möglicherweise als Teil einer Abdeckung zu interpretieren ist. Der Rohrbrunnen von 70 cm Durchmesser war auf gleicher Höhe erhalten und bestand aus einem geteilten Baumstamm, der nach der Aushöhlung wieder zusammengefügt und in der Grube versenkt wurde. Das Holz des Rohrbrunnens war mit einer großen Tonschicht ummantelt, die das Eindringen von Oberflächenwasser in den Brunnen verhindern sollte. Durch eine Baufuge in der Grubenfüllung war eindeutig zu ermitteln, dass zuerst der Kastenbrunnen und danach, vielleicht nach dem Unbrauchbarwerden, der Rohrbrunnen eingebaut wurde. Die Verfüllung der Grube über den Brunnen Foto: Midal       bestand aus einer starken Schicht aus Rotlehmbrocken und kleinen Holzkohlestücken. Zwei fast vollständige Gefäße waren in diesem Material eingebettet Das Grubenmaterial und die Gefäße lassen vermuten, dass die Grube nach einem Gebäudebrand mit dem Schutt verfüllt wurde.
Da die beiden Holzbrunnen genau im Verlauf des Rohrgrabens standen und in der Eile vor Ort nicht untersucht werden konnten, entschloss sich die MIDAL,  allen voran der Bauleiter Her Dipl. Ing. Bodo Kolibaba, diese wegen der hohen kulturhistorischen Bedeutung als Block zu heben. Der technische und organisatorische Teil wurde dankenswerterweise von Herrn Kolibaba übernommen, so dass binnen einer Woche nach der Entdeckung die Brunnen als 12 t schwerer Block gehoben und abtransportiert werden konnten. Sie wurden in den Werkstätten des Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte Schleswig (Schloss Gottorf) untersucht, konserviert und restauriert. Derzeit stehen die restaurierten Brunnen im Landesmuseum in Münster.
Aus der Siedlung stammt ein überaus reichhaltiges Fundgut. Keramik stellt naturgemäß die umfangreichste Materialgruppe. Eine Reihe von Gefäßen konnte fast vollständig wieder zusammengesetzt werden. Manche Gefäße datieren aus den 3. - 5. Jahrhundert nach Christi. Eine römische Münze datiert in das 3. Jahrhundert nach Christi. Die Schlacken belegen eine handwerkliche Tätigkeit. Diese reiche Hofstelle dürfte in der Zeit des 4./5. Jahrhundert nach Christi, vielleicht auch schon im 3. Jahrhundert nach Christi bestanden haben. Die archäologischen Ergebnisse, die primär aufgrund der ständigen Kontrolle des Oberbodenabtrages erzielt wurden, rechtfertigen den materiellen Aufwand im Rahmen derartiger Großobjekte. Der Geländeschnitt durch die Trasse ermöglichte einen Einblick in den Untergrund, wie er mit herkömmlichen Mitteln nicht zu erzielen gewesen wäre. Von Bedeutung sind dabei nicht nur Lage, Anzahl, Art, Größe und Erhaltungszustand der Fundplätze, sondern auch fundleeren Trassenabschnitte. Auch sie spiegeln Teile der Besiedlungsgeschichte wieder. Die Einbindung der aus den Unterlagen der Bodendenkmalpflege bekannten archäologischen Fundplätze im weiteren Umfeld der Trasse lässt wichtige Erkenntnisse zu siedlungsarchäologischen Fragen erwarten. An dieser Stelle kann noch nicht auf die betreffenden siedlungsarchäologischen und topographischen Aspekte eingegangen werden.

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Denkmalschutzamt der Stadt Erfurt
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